Kolumne 24.01.09: Luther King in memoriam

24.01.09 (von maj) Das Erbe des 1968 ermordeten Bürgerrechtlers und die großen Übel der US-Gesellschaft heute

Mumia Abu-Jamal * junge Welt Nr. 20 - 24./25. Jan. 2009

Seit 1986 wird am dritten Montag des Monats Januar mit einem nationalen Gedenk- und Feiertag an den am 4. April 1968 ermordeten Bürgerrechtler Reverend Dr. Martin Luther King jr. erinnert. Bereits im Jahr seiner Ermordung gab es die ersten Bestrebungen, mit Bezug auf Dr. Kings Geburtstag am 15. Januar 1929 zu seinen Ehren einen offiziellen Feiertag zu schaffen. Der afroamerikanische Abgeordnete John Conyers aus Detroit brachte in jenem Jahr einen entsprechenden Gesetzentwurf in den US-Kongreß ein. Eine Mehrheit fand das Gesetz jedoch erst 1983. US-Präsident Ronald Reagan mußte es notgedrungen unterzeichnen. Drei Jahre später wurde der Feiertag zum ersten Mal begangen.
Am 19. Januar 2009 kam diesem Gedenken eine herausgehobene Bedeutung zu, weil Barack Obama am darauffolgenden Tag sein Amt als neuer US-Präsident antrat. Doch auch wenn Obama sich im Wahlkampf oft auf das Vermächtnis Martin Luther Kings bezog, hat der Geehrte und die Art, wie man ihn heute ehrt, wenig zu tun mit dem realen Menschen und Bürgerrechtler; mit dem, wie er gelebt hat und wie er vor allem in seinen letzten Lebensjahren in den Auseinandersetzungen um Rassismus und Krieg gewachsen ist.
Wie jeder andere Mensch hat auch King seine Höhen und Tiefen erlebt, hatte Ängste und Zweifel, aber stärker waren immer seine Eingebungen und tieferen Einsichten, die er aus den Kämpfen der Bürgerrechtsbewegung gewann. Seine Washingtoner Rede am 28. August 1963, aus der bis heute immer wieder sein beschwörender Satz »I have a dream« zitiert wird, war sicher nicht seine beste, aber da er wie viele schwarze Prediger ein Meister der Rhetorik war, hat er dafür gesorgt, daß ihre zentrale Aussage sich bis heute in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.
King war unermüdlich für die Bürgerrechtsbewegung unterwegs und konnte schon aus Zeitgründen nicht alle seine Reden selbst schreiben. Eine der Vertrauenspersonen an Kings Seite, die Reden für ihn verfaßten, war der fast gleichaltrige Vincent Harding, später geachteter Theologe und Historiker und Autor zahlreicher Bücher. Harding leistete seinen Beitrag zu Kings wegweisender Rede, die er am 4. April 1967 in der New Yorker Riverside Church hielt, also auf den Tag genau ein Jahr vor seiner Ermordung. King verurteilte darin den Vietnamkrieg, was nicht nur zum Bruch mit dem damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson führte, sondern leider auch einige seiner engsten Verbündeten in der Southern Christian Leadership Conference (SCLC) auf Distanz zu ihm gehen ließ. Johnson sah in Kings Rede offenen Verrat, und der Tenor der Medien schlug von Lob in Hohn und Diffamierung um.
Was hatte King getan? Er hatte eine Analyse des Krieges und der dahinterstehenden Interessen vorgenommen und betont: »Es kommt die Zeit, da Schweigen einem Verrat gleichkommt. Dieser Zeitpunkt ist für uns in bezug auf Vietnam nun gekommen.« Von einem klaren antikolonialen Standpunkt aus hatte der Reverend das Recht des vietnamesischen Volkes auf Unabhängigkeit betont und zu öffentlichen Protesten aufgerufen, mit den Hauptforderungen nach einem sofortigen Ende der Bombardierungen Nord- und Südvietnams und dem Ausrufen eines allseitigen Waffenstillstands: »Der Wahnsinn muß ein Ende haben!«
King ließ sich weder durch Verratsvorwürfe noch gehässige Leitartikel beeindrucken und stoppen. Harding verweist in seinem 1996 erschienenen Buch »Martin Luther King: The Inconvenient Hero« (Der unbequeme Held) darauf, daß die Gewalt des Krieges King derart radikalisiert habe, daß er später sagte: »Das Übel des Kapitalismus ist so real wie das Übel des Militarismus und das Übel das Rassismus.«
In dieser Eindeutigkeit hat man das in den vergangenen Jahren in den USA kaum gehört: Kapitalismus, Militarismus und Rassismus als ein Übel. Die stürmischen Ereignisse seiner Zeit waren es, die Reverend Dr. Martin Luther King jr. zu radikalen Erkenntnissen kommen ließen. Ein Jahr vor seinem Tod war er sowohl erklärter Kriegsgegner als auch scharfer Kritiker des Kapitalismus.
Würde King heute noch leben, mit seinen Ansichten und Zielsetzungen, könnte er dann zum US-Präsidenten gewählt werden? Wenn die Antwort ein klares Nein ist, dann muß die nächste Frage lauten: Warum nicht, und was sagt das aus über das politische System dieses Landes?

Übersetzung: Jürgen Heiser


Ausdruck von: http://freedom-now.de/news/artikel473.html
Stand: 17.11.2019 um 03:25:44 Uhr