Kolumne 13.09.03: Die Rekolonialisierung Afrikas

15.09.03 (von maj) Warum der Widerstand gegen die WTO-Tagung in Cancún notwendig ist

Mumia Abu-Jamal * junge Welt Nr. 214, 13./14. September 2003

»Politische Unabhängigkeit ohne ökonomische Unabhängigkeit ist reine Illusion.«
Kwame Nkrumah

Vor ein paar Wochen ist der Präsident des US-Imperiums, George W. Bush, durch West- und Südafrika paradiert, um der Expansion der US-Multis und der weiteren Ausbeutung durch den Westen den Weg zu bereiten.
Er hielt ein paar geistlose Reden, zum Beispiel über die Freiheit auf Goree Island in Senegal, die er genau wie seine letzte Rede zur Lage der Nation auchnicht selber geschrieben hat. Und während er durch den Kontinent defilierte, dem unglaubliche koloniale Gewalt angetan worden ist, hatte er schon wieder neue Ketten in seinem Reisegepäck, mit denen die afrikanischen Völker weiterhin für den Wohlstand und die Bereicherung anderer versklavt werden sollen. Diesmal kam er, um die afrikanische Bevölkerung an die Blutsauger vom Internationalen Währungsfonds (International Monetary Fund/IMF), von der Weltbank und der neoliberalen Welthandelsorganisation (World Trade OrganizationWTO) zu ketten.
Diese Institutionen, die zum führenden weltweiten Kreditkartell gehören, haben rund um den Globus einen unbeschreiblichen Schaden angerichtet, indem sie Regierungen dazu zwingen, ihre Politik der Demontage der Sozialsysteme gegen die eigene Bevölkerung umzusetzen, wenn sie Zugang zum westlichen Markt finden wollen. IMF und Weltbank sind, um einen heute geläufigen Ausdruck zu benutzen, Massenvernichtungswaffen. Sie sind Instrumente der imperialen US-Politik. In dem in diesem Jahr in New York erschienenen Buch »Power Trip: U.S. Unilateralism and Global Strategy After September 11« erklären die Autoren, welche Macht diese Institutionen haben:
»Angeblich sind es multinationale Organisationen, aber es ist bekannt, daß der IMF hauptsächlich vom US-Finanzministerium kontrolliert wird. Die Weltbank ist eine Unterorganisation des IMF, und viele Geldgeber - einschließlich der Regierungen der größten Industrienationen und jener aus dem privaten Sektor - unterwerfen sich den IMF-Entscheidungen. Das Kreditkartell konfrontiert Länder mit geringem oder mittleren Einkommen mit einer enormen Macht und tut dies in Verbindung mit den Kräften, die der Ökonom der Columbia University, Jagdish Bhagwati, den ›Wall Street-Finanzkomplex‹ genannt hat. Diese Macht ist vergleichbar mit der, welche die OPEC-Staaten (Oil Producing and Exporting Countries) über das Öl haben. Die OPEC nutzt ihr Kartell, um weltweit den Ölpreis zu kontrollieren. Der IMF nutzt das Kreditkartell allerdings nicht dazu, den Preis für Kredite, sondern die Ökonomie (und Politik) der Schuldnerländer zu kontrollieren. Mit anderen Worten: Der IMF ist in der Lage, den meisten Regierungen vorzuschreiben, seine Politik zu befolgen, weil sie sonst von jeder denkbaren Kredtitquelle abgeschnitten werden. Darin drückt sich die größte Machtkonzentration der Welt aus, die in ihrer Effizienz größer ist als die Macht des US-Militärs.«
Der imperiale Präsident Bush kam aus denselben Gründen nach Afrika, aus denen auch Heinrich der Seefahrer vor 500 Jahren seine Schiffe zur afrikanischen Westküste lenkte und arabische Dhaus die afrikanischen Küsten im Laufe von tausend Jahren entlangsegelten - sie alle kamen, um die afrikanischen Völker zu ihrem eigenen Nutzen auszubeuten.
Glaubt auch nur ein Mensch, daß Bush sich wirklich einen Deut um Afrika schert? Dieser Machtbesessene, der als Gouverneur verantwortlich war für die rassistische Todesstrafenpraxis in Texas, der diesen Staat in einer Zeit des Wiederauflebens rassistischer Gewalt regierte und der nur deshalb zum Präsidenten ernannt werden konnte, weil Tausende schwarzer sogenannter Bürgerinnen und Bürger in Florida ihres Wahlrechts beraubt wurden? Es sollte darin erinnert werden, daß der junge US-Bundesstaat Texas Krieg mit Mexiko führte, um sein Sklavensystem auch nach dort ausdehnen zu können.
Und dieser Bush kommt nach Afrika, um sich in trauter Einheit mit afrikanischen Regierungschefs auf Fotos ablichten zu lassen, weil beide Seiten eines verbindet - sie sehen in den afrikanischen Völkern das, was Löwen in Gazellen sehen: reine Beute. Der Löwe kündigt sein Kommen nicht an. Er schleicht durch das hohe Steppengras, dessen Tarnung er nutzt, um sich und seine Absichten zu verbergen, bis der nah genug heran gekommen ist und zum Sprung ansetzen kann.
Die Völker Afrikas müssen sich über alle Grenzen, Sprachbarrieren, Stammes- und Clanunterschiede hinweg vereinigen, um sich gegen diese zweite Kolonisierung zur Wehr zu setzen. Das ist möglich, und es ist notwendig. es braucht nur den gemeinsamen Willen. Die heutigen USA nähern sich Afrika nicht in freundlicher Absicht, ebenso wenig, wie sie es vor hundert Jahren getan haben. Diese Herrschaften kommen in feinen Anzügen und lächelnd daher und haben viele Versprechungen im Gepäck. Die Geschiche hat uns aber gelehrt, daß Leichen den Weg dieser Herren pflastern. Eine Erkenntnis, die wichtiger Teil der Politik der Antiglobalisierungsbewegung sein sollte, die seit ihrem überraschenden Auftreten in Seattle angewachsen und stärker geworden ist. Wenn wir in der Lage gewesen wären, unseren Vorfahren jahrhundertelanges Leid zu ersparen, was hätten wir getan? Heute sind wir die lebenden Vorfahren der kommenden Generationen. Es ist unsere Pflicht, ihnen das Leid zu ersparen, daß die US-Regierung ihnen erneut bereiten will.

Übersetzung: Jürgen Heiser


Ausdruck von: http://freedom-now.de/news/artikel238.html
Stand: 12.11.2019 um 09:47:26 Uhr