Kolumne 1.188 vom 19.10.2026: Für die Schwarzen in Philadelphia

19.10.26 (von maj) In der Stadt wurde Anfang Oktober eine Straße nach Walter Palmer benannt. Der heute 92jährige widmete und widmet noch immer sein Leben dem Kampf für gleiche Rechte für Schwarze

Mumia Abu-Jamal * Link zum Artikel in junge Welt Nr. 242 vom 19. September 2026: Bitte HIER klicken![1]

Für die Schwarzen in Philadelphia
Walter Palmer ist eine wandelnde Bibliothek. Er wurde 1934 geboren und ist mittlerweile 92 Jahre alt. Er kam in einer großen Familie in Atlantic City, New Jersey, zur Welt und erinnert sich daran, dass sie später nach Philadelphia zogen. Damals herrschte in beiden Städten eine strikte Rassentrennung. Schwarze mussten in Atlantic City im Norden der Stadt wohnen. Da der südliche Teil am Atlantischen Ozean lag und somit die »bessere« Wohngegend darstellte, durften Schwarze dort nicht leben. In Philadelphia war die Situation eigentlich etwas besser – aber vielleicht auch eher etwas schlimmer, weil die Stadt einfach viel größer war.
»Segregation«, die sogenannte Rassentrennung, war für Walt Palmer nicht nur ein Wort, sondern seine ständige Lebensrealität. Seine bewusste Erinnerung daran, in zwei von Segregation geprägten Städten gelebt zu haben, reicht bei ihm bis ins Alter von sieben Jahren zurück. Er weiß noch, wie er arbeitete, lernte, heranwuchs und sich weiterbildete, um der Mensch zu werden, der er heute ist. Er erinnert sich aber auch daran, dass er – ich glaube, er war damals etwa sieben oder acht Jahre alt – in der Erntezeit zusammen mit Wanderarbeitern in New Jersey Obst und Gemüse pflückte. Der Grund dafür war natürlich, Geld zu verdienen, um seiner Familie zu helfen. Manchmal brachte er auch ein paar Naturalien mit nach Hause, damit seine Familie etwas zu essen hatte. Das sind außergewöhnliche Erinnerungen – und das nicht nur, weil sie einem sehr langen Leben entstammen.
In seiner Jugend schlug er zunächst eine medizinische Laufbahn ein. Später studierte er zusätzlich Pädagogik. Da es ihn frustrierte, dass Anwälte ihm vorgaben, was er zu tun hatte, wenn er im Rahmen von Bürgerrechts- und Freiheitskämpfen der Schwarzen verhaftet wurde, studierte er Jura und wurde selbst Anwalt.
Trotz seiner verschiedenen Ausbildungen engagierte er sich weiterhin im Bildungsbereich und prägte unter anderem den Sachverstand einer ganzen Generation schwarzer Politikerinnen und Politiker in Philadelphia. Wo immer es eine aktive Bürgerrechtsbewegung gab, war Walt Palmer dabei. Wo immer sich eine schwarze Freiheitsbewegung regte, war er zur Stelle. Und wo immer Schwarze ihre Befreiungsbewegungen aufbauten, mischte Walt Palmer mit. Durch sein aktives Handeln sind die Geschichte der Stadt und die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht nur in seinem Gedächtnis verankert, sondern sie prägen bis heute auch sein eigenes Leben. Er ist wahrlich eine lebende Bibliothek, und nun wird in West Philadelphia eine Straße nach ihm benannt. Mit dem Namen »Walter Palmer-Black Bottom Way« wird ihm ein Denkmal gesetzt.
Auf diese Weise wird also sein außergewöhnlicher Lebensweg gewürdigt – ein Leben, das eng mit dem Kampf von Martin Luther King Jr. sowie dem Kampf und dem tragischen Tod von Malcolm X verknüpft war. Durch die Erinnerungen von Walter Palmer wird Geschichte Tag für Tag lebendig.
Übersetzung: Jürgen Heiser
→ Am 7. Oktober 2026 fand in Philadelphia eine große Feier zu Ehren von Walter Palmer statt. Prison Radio schrieb über die Grußbotschaft, die Mumia Abu-Jamal an den Jubilar gerichtet hatte: Walter Palmer, Professor an der University of Pennsylvania, sei »einer der engagiertesten Verfechter von ethnischer und sozialer Gerechtigkeit in der Geschichte Philadelphias«. Noch heute setze er sich für diese Ziele ein. »Wir feiern an diesem Tag seinen 92. Geburtstag, 75 Jahre Engagement für die Gemeinschaft und die Taufe des ›Walter Palmer-Black Bottom Way‹.« Geehrt würden damit auch die Menschen des Stadtteils Black Bottom. Dort wuchs Palmer »als eines von zwölf Kindern in einer Zweizimmerwohnung auf«, so das Lokalblatt Philly Voice. Er habe das Gemeinschaftsgefühl in diesem Stadtteil stets geschätzt. Die von ihm gegründete Stiftung W. D. Palmer Foundation beschreibt auf ihrer Website die sozialen Probleme, mit denen Palmer als Jugendlicher zu kämpfen hatte, und zitiert sein Lebensmotto: »Wir können nicht andere Menschen, sondern nur uns selbst ändern. Aber wir können anderen Menschen ein Vorbild sein. Es geht um jeden einzelnen, angefangen bei einem selbst.« (jh)


Links im Artikel: 1
[1] https://www.jungewelt.de/artikel/531754.f%c3%bcr-die-schwarzen-in-philadelphia.html

Ausdruck von: http://freedom-now.de/news/artikel2265.html
Stand: 23.10.2026 um 03:53:45 Uhr