Mumia Abu-Jamal * Link zum Artikel in junge Welt Nr. 235 vom 12. September 2026: Bitte HIER klicken![1]
»Alle Macht dem Volk!«
Brüder, Schwestern, Genossinnen und Genossen – ich grüße euch alle! Wenn wir uns die Geschichte der Black Panther Party (BPP) in Erinnerung rufen, müssen wir bei Bruder Malcolm X beginnen. Im Frühjahr 1964 rief er dazu auf, Schwarze sollten eigene Schützenvereine – »Black rifle clubs« – gründen, um schwarze Gemeinden vor Gewalt und Angriffen weißer Rassisten zu schützen.
Als sich Bobby Seale und Huey P. Newton in Oakland, Kalifornien, kennenlernten – wer hätte da ahnen können, was aus ihrer Begegnung und Freundschaft entstehen würde? Ich glaube, nicht einmal sie selbst wussten es zu diesem Zeitpunkt. Malcolm X wurde im Februar 1965 ermordet. Etwas mehr als ein Jahr später, am 15. Oktober 1966, gründeten Bobby Seale und Huey P. Newton die Black Panther Party. Von Malcolms politischem Vermächtnis ging ein starker Einfluss auf die Gründung der Partei aus.
Einen weiteren Einfluss übte sicherlich ein Geschenk aus, das Bobby seinem Genossen Huey machte: Er überreichte ihm ein Exemplar von »Die Verdammten dieser Erde«. Es handelte sich um das Hauptwerk des schwarzen Psychiaters Dr. Frantz Fanon, der sich der Algerischen Revolution gegen die französische Kolonialmacht angeschlossen hatte. Seale schrieb später, Newton habe »dieses Buch sechsmal gelesen«. Mit seinen revolutionären Inhalten habe es sich in Hueys politisches Denken eingebrannt und ihn persönlich sowie die ganze Partei tiefgreifend verändert.
Von Fanon stammten politische Ideen über das »Lumpenproletariat« (Lumpenism) und die Schwächen der Spontaneität sowie darüber, wie die revolutionäre Partei in ihrer propagandistischen Arbeit eine »Literatur des Kampfes« (»Literature of combat«, ein von Fanon geprägter Begriff für antikoloniale Literatur nationaler Befreiung; jW) einsetzt, um die Menschen zu erreichen, sie für den Eintritt in die Partei zu gewinnen und für den Kampf zu mobilisieren. Jedes Mitglied war verpflichtet, »Die Verdammten dieser Erde« zu lesen. Auch wenn das Werk keine leichte Lektüre war, so war es doch zweifellos eine notwendige.
Die Black Panther Party war eine Jugendbewegung, im Grunde sogar eine Bewegung von Teenagern. Und, was sehr wichtig ist: Laut Seale waren die meisten ihrer Mitglieder Frauen – mehr als 60 Prozent. Angela Davis stimmt in dem von ihr verfassten Vorwort zum Buch »Comrade Sisters. Women of the Black Panther Party« dieser Beobachtung Seales zu. Das mag bei manchen heftige Kopfschmerzen auslösen oder das männliche Ego ankratzen, aber so war es nun mal.
Die Partei wurde von jungen Schwarzen aufgebaut, die sie mit Leben erfüllten und für ihren Bestand kämpften – gegen alle Widrigkeiten. Und, was noch bedeutsamer ist: Sie kämpften für die Partei, weil sie sich in den Dienst des Volkes stellten. Denkt daran, was das wichtigste Leitmotiv der Black Panther Party war: »All Power to the People!« – »Alle Macht dem Volk!« Ich danke allen, die Teil der Black Panther Party waren.
→ Übersetzung: Jürgen Heiser
→ Mumia Abu-Jamal verfasste diese Audiobotschaft für das »18. Jährliche Black Panther Film Festival«, das vom 24. September bis zum 3. Oktober 2026 aus Anlass des 60jährigen Jubiläums der Black Panther Party im Maysles Documentary Center (MDC) in Harlem, New York, stattfand (Festivalprogramm: maysles.org/series-bppff-2026). Das auf dem Malcolm X Boulevard ansässige MDC ist ein unabhängiges und gemeinnütziges Kino mit Bildungsangeboten wie einer Filmwerkstatt für junge Aktivisten. Veranstalter des Festivals war das »New York Black Panther Party Commemoration Committee«.
Das Zitat von Angela Davis aus dem 2022 von Ericka Huggins und Stephen Shames bei ACC Art Books im britischen Melton veröffentlichten Band »Comrade Sisters«, den Mumia nicht zur Hand hatte, weil er nur wenige Bücher auf der Zelle haben darf, lautet: »In einer Zeit, in der wir endlich das Erbe von Frauen aus den Tiefen der Geschichte bergen, ist es unerlässlich, die Frauen der Black Panther Party für ihre unschätzbare Führungsrolle zu würdigen. Ihre Rolle in dieser Organisation überzeugte Menschen auf der ganzen Welt – von Brasilien und Palästina bis nach Neuseeland und Südafrika –, dass radikaler Wandel sowohl notwendig als auch möglich war. Sie dienten dem Volk mit Leib und Seele.« (jh)