Kolumne 1.176 vom 4.05.2026: Erinnerung an einen Giganten

04.05.26 (von maj) W. E. B. Du Bois war einer der ersten Panafrikanisten der amerikanischen Hemisphäre

Mumia Abu-Jamal * Link zum Artikel in junge Welt Nr. 102 vom 4. Mai 2026: Bitte HIER klicken![1]

Erinnerung an einen Giganten
Den Studierenden und Lehrenden der W. E. B. Du Bois Abolitionist School möchte ich ganz herzlich danken und euch zu den belegten Fächern sowie zum erfolgreichen Abschluss eures Studiums gratulieren. Außerdem danke ich euch ganz herzlich dafür, dass ihr euch mit William Edward Burghardt Du Bois beschäftigt habt.

Er war ein Mensch, der fast hundert Jahre alt wurde (1868–1963) und dessen Einfluss auf die Gesellschaft bis heute spürbar ist. Doch die meisten Menschen kennen ihn vor allem durch seine Arbeit für die NAACP, die »National Association for the Advancement of Colored People« (zu Deutsch: »Nationale Vereinigung für die Förderung farbiger Menschen«), und aus seiner späteren Lebensphase. Viele wissen nicht – es sei denn, sie haben sich wirklich eingehend mit ihm beschäftigt –, dass er einer der ersten Panafrikanisten in der amerikanischen Hemisphäre war. Er arbeitete mit Menschen aus Jamaika und von anderen karibischen Inseln, aus Europa und aus Afrika zusammen. Sein Ziel war es, einen Ort der Stärke zu schaffen, an dem man sich gemeinsam über Entkolonialisierung und Freiheit für Afrikaner in Afrika sowie für Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten, in Westindien und den Kolonien klarwerden konnte.

Er war ein tiefgründiger Denker, der das schwarze Volk über alle Maßen liebte. Wenn man seine frühen Werke liest und den Geist hinter den Worten versteht, erkennt man auch seine Liebe zu jungen Schwarzen sowie zu Menschen auf der ganzen Welt.

W. E. B. Du Bois war ein Gigant seiner Zeit. Er gehörte zu den ersten, die um die Welt reisten, um Freiheitskämpfe und insbesondere die Bewegungen im Prozess der Entkolonialisierung in weiten Teilen Afrikas zu unterstützen. Er kannte einige der großen Denkerinnen und Denker, die in afrikanischen Ländern und in der Karibik aktiv waren. Er sprach mit ihnen, kämpfte mit ihnen und organisierte mit ihnen den Befreiungskampf. Dies geschah vor allem in den späten Jahren des 19. und den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts.

Seine Beziehung zur US-Regierung war recht komplex. Die Leute vergessen oft, dass er als »Agent einer ausländischen Macht« angeklagt wurde. Mit dieser »ausländischen Macht« war die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gemeint. Er wurde angeklagt und vor Gericht gestellt. Die meisten Menschen, die ihn damals lobten, bewunderten und respektierten, wandten sich in dieser Zeit von ihm ab. Nur die Menschen aus der Arbeiterklasse, die einfachen Leute, die ganz normalen Menschen, hielten zu ihm und unterstützten ihn weiterhin. Später wurde er von dieser Anklage freigesprochen, doch er hat diese Lektion nie vergessen.

Herzlichen Glückwunsch also zu euren Studien über W. E. B. Du Bois, einen der größten Denker des 19. und 20. Jahrhunderts! Ich möchte euch noch Folgendes mit auf den Weg geben: Mein Lieblingswerk von ihm ist ein Buch, das kaum bekannt ist. Es heißt »Darkwater. Stimmen aus dem Schleier«, und er schrieb es nach seinem ersten, dem sehr populären Buch »The Souls of Black Folk« (»Die Seelen der Schwarzen«, 1903). »Darkwater« erschien 1920 und thematisiert das politische Klima nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist eine zornige, leidenschaftliche und mitreißende Polemik, in der er seiner Seele wegen der rassistischen Attacken gegen Schwarze in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts Luft macht. Er beschreibt die USA so, wie sie wirklich sind, und nicht so, wie er sie sich gewünscht hätte.

Lest also weiter seine Texte, studiert sein Denken und lernt von ihm! Ich weiß, dass er eine Inspiration für Angela Davis und viele andere war, die sich in ihrer Jugend mit ihm beschäftigt haben. Herzlichen Glückwunsch also, meine Freundinnen und Freunde, zu eurem Studium und eurem erfolgreichen Abschluss. Doch nun stellt euch die Frage, was ihr mit dem Gelernten anfangen wollt. Das ist der eigentliche Grund, warum ihr heute zusammenkommt.
→ Übersetzung: Jürgen Heiser

Mit seiner im Gefängnis Mahanoy in Pennsylvania aufgezeichneten Ansprache verabschiedete Mumia Ende April den jüngsten Abschlussjahrgang der Du-Bois-Bewegungsschule in Philadelphia. Sein Beitrag »Das Geschenk Frantz Fanons« war am 4. Februar Auftakt zur Seminarreihe »Reading Frantz Fanon«, hier veröffentlicht am 16. Februar als Kolumne. (jh)


Links im Artikel: 1
[1] https://www.jungewelt.de/artikel/521924.erinnerung-an-einen-giganten.html

Ausdruck von: http://freedom-now.de/news/artikel2244.html
Stand: 30.05.2026 um 05:14:00 Uhr