Kolumne # 829 vom 7.11.2016: Hinterzogene Beweise

07.11.16 (von maj) Über die Hälfte seines Lebens saß Lorenzo »Cat« Johnson in den schlimmsten Gefängnissen Pennsylvanias. Dann ließ ihn ein US-Bundesgericht frei, weil es keine hinreichenden Beweise für seine Schuld sah. Nach einem kurzen Ausflug in die Freiheit sitzt Johnson wieder im Knast, weil der Oberste Gerichtshof der USA anderer Meinung war. Nun kämpft der Gefangene den entscheidenden Fight seines Lebens...

Mumia Abu-Jamal * Link zum Artikel in junge Welt Nr. 260 vom 7. November 2016: Bitte HIER klicken![1]

Hinterzogene Beweise
Über die Hälfte seines Lebens ist Lorenzo »Cat« Johnson schon in den schlimmsten Gefängnissen Pennsylvanias eingesperrt. Unter härtesten Bedingungen, sehr oft wurde er ins »Loch« geworfen, eine Isolationszelle zur disziplinarischen Bestrafung. 20 Jahre lang gehörte Johnson der sehr großen Knastpopulation der Lebenslangen in den Vereinigten Staaten von Amerika an. Menschen, die zum Tode verurteilt sind durch die Haft bis ans Ende ihrer Tage.
Im Jahr 2012 erhellte plötzlich ein Lichtstrahl die Dunkelheit seiner Zelle, als das 3. US-Bundesberufungsgericht das gegen ihn gefällte Unrechtsurteil wegen »unzulänglicher Beweise« aufhob und anordnete, das Gefängnistor für ihn zu öffnen. Doch ein paar Monate später senkte sich wieder große Dunkelheit über Johnson, als der Oberste Gerichtshof der USA in einer seltenen und nahezu beispiellosen Entscheidung ohne vorherigen Schriftwechsel mit seiner Verteidigung und ohne mündliche Verhandlung sowohl den alten Schuldspruch als auch die Verurteilung zu lebenslanger Haft bestätigte. Unter Tränen verabschiedete sich Cat von seinem neuen Leben, seiner neuen Frau, seinem Job und seinen Freunden und machte sich aus seiner Geburtsstadt Yonkers im US-Bundesstaat New York auf den Weg nach Pennsylvania, um freiwillig in eine Gefängniszelle zurückzukehren.
Als Teenager war Cat ein Boxer und kämpfte im Ring, bevor er dem Ruf der Straße folgte. Heute, als Mann in den 30ern, bereitet sich Cat auf den größten Fight in seinem Leben vor – den Kampf um seine Freiheit. Seine Anwälte, ein hingebungsvolles Team unter Leitung des kompetenten Juristen Mike Wiseman, nahmen sich die Akten vor, zerpflückten den Fall und stießen dabei auf erstaunliche Fakten. Zum Beispiel, dass die crackabhängige Kronzeugin der Anklage in den Tagen unmittelbar nach dem Mord an einem Crackdealer aus Harrisburg mehr als ein halbes Dutzend verschiedene Aussagen machte. Noch erstaunlicher war, dass sie in den Akten als erste Verdächtige für den Mord genannt wurde! (Unnötig zu erwähnen, dass die Geschworenen davon in der Verhandlung nichts erfuhren.)
Und was wurde dann aus den Aussageprotokollen dieser »Zeugin«? Nun ja – sie wurden der Verteidigung nie zur Kenntnis gebracht. Weder vor der ursprünglichen Hauptverhandlung noch in der Gegenwart. Eine eklatante Verletzung der 1963 vom Obersten Gerichtshof der USA gefällten Grundsatzentscheidung im Fall »Brady gegen Maryland«, die besagt, dass Staatsanwälte alle Beweise zu übergeben haben, die für die Entlastung eines Beschuldigten sprechen.
Außerdem ging aus den Akten hervor, dass Polizisten Zeugen mit Mordanklagen drohten, falls sie nicht aussagten, dass Johnson der Täter sei. Das beste aber: Cops und Staatsanwälte wussten, dass Cat überhaupt nicht in der Stadt war, als der Crackdealer Tarajel Williams umgebracht wurde, und dass er mit dessen Ermordung rein gar nichts zu tun hatte.
Vor einigen Jahren schon brachte also ein Gericht Johnsons Verurteilung zu Fall, weil sie auf unzulänglichen Beweisen beruhte. Erst jetzt aber konnten seine Anwälte die volle Wahrheit ans Tageslicht bringen: Es gibt keine »unzulänglichen Beweise« für seine Schuld, sondern im Gegenteil überwältigende Beweise für seine Unschuld. Nun brennt Cat darauf, es möge endlich sein Tag im Gericht kommen. Wie er es mit seinen eigenen Worten ausdrückte: »Wir Unschuldigen wollen kein Mitleid. Wir möchten, dass ihr euch in unserem Streben nach Gerechtigkeit am unsere Seite stellt. Wir zahlen für eine Schuld, die nicht unsere ist. Leider haben einige von uns schon mit dem Leben dafür gezahlt, dass wir unschuldig sind.«

Mehr Informationen zum Fall:
FreeLorenzoJohnson.org / Bitte HIER klicken![2]

Übersetzung: Jürgen Heiser


Links im Artikel: 2
[1] https://www.jungewelt.de/2016/11-07/029.php
[2] https://freelorenzojohnson.org/

Ausdruck von: http://freedom-now.de/news/artikel1468.html
Stand: 16.06.2024 um 13:40:30 Uhr