Kolumne # 760 vom 13.07.2015 - Kolumne für Mumia von Noelle Hanrahan: Einzigartiger Blick

13.07.15 (von maj) Die Gründerin des Prison Radio betont, dass Stimmen wie die von Abu-Jamal selten, aber gerade deshalb unverzichtbar seien. Seine Arbeit fördere den nationalen Diskurs um Polizeigewalt und Staatsterror und tue dies aus der Perspektive eines Menschen, der brutale Unmenschlichkeit am eigenen Leib erfahren hat

Link zum Artikel in junge Welt Nr. 159 vom 13. Juli 2015: Bitte HIER klicken![1]

Einzigartiger Blick
Seit 1992 veröffentlicht der Radiojournalist Mumia Abu-Jamal in Zusammenarbeit mit Prison Radio Beiträge, die sich gegen die Selbstgefälligkeit eines von Vorurteilen geprägten Status quo richten und die Bewusstseinslage unserer Gesellschaft erkunden.
Es fiele schwer, einen Journalisten zu finden, der sich noch mehr dafür einsetzt, rassistisches Unrecht in der alltäglichen Polizeipraxis der USA ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen und ohne zu zögern den Widerstand gegen dieses Unrecht zu verteidigen.
Der angesehene Pädagoge und Autor Jonathan Kozol hob einmal hervor: »Mumia lässt nicht zu, dass sein Geist durch die Mächte des Unrechts gebrochen wird; seine Sprache ist wie das Leuchten einer lebensbejahenden Flamme.« Im Verlauf von 33 Jahren hat der politische Gefangene Abu-Jamal im Todestrakt acht Bücher geschrieben, einschließlich des erst kürzlich veröffentlichten Titels »Writings on the Wall«, und mehr als 2.000 Radiobeiträge verfasst. Abu-Jamal ist ein talentierter und ausdrucksstarker Autor mit einer weltweiten Leser- und Hörergemeinde. Als Menschenrechtsaktivist hat er sein Leben der Aufgabe gewidmet, Muster menschenfeindlicher Ausbeutung zu identifizieren und zu dokumentieren. Er ist ein Medienarbeiter, dessen in dem Film »Long Distance Revolutionary« erzählte Lebensgeschichte von genau den Widersprüchen ungerechter gesellschaftlicher Verhältnisse gezeichnet ist, gegen die er kämpft.
Eine Auswahl seiner Essays reichen wir deshalb unter dem Titel »Black and Blue: Race, Violence and American Policing« für die Auszeichnung mit dem »Dupont Award« der Columbia University ein. In jedem dieser kurzen Texte befasst er sich mit einem Aspekt jüngster Konflikte in unserem Land, in denen sich die Empörung über das Unrecht zeigt, das durch eine gewaltsame rassistische Polizeipraxis hervorgerufen wird. Abu-Jamals Können beweist sich immer wieder durch seine sorgfältige Wortwahl, seine Fähigkeit, sowohl historische Bezüge als auch persönliche Erfahrungen einzuarbeiten, und durch die Professionalität seiner Vortragsweise – was um so bemerkenswerter ist, wenn man bedenkt, dass alle Beiträge über die normale Telefonverbindung des Gefängnisses gesprochen und aufgezeichnet werden.
Abu-Jamals Kommentare erscheinen noch beeindruckender, wenn man berücksichtigt, dass seine eigene Lebensgeschichte von genau der Diskriminierung gezeichnet ist, über die er schreibt. Von einer Polizeikugel getroffen und nach seiner Verhaftung fast zu Tode geprügelt, angeklagt und in einer Farce von Gerichtsverhandlung für ein Verbrechen verurteilt, das er nicht begangen hat, verbrachte er 28 Jahre im Todestrakt, bis sein Urteil 2011 aufgehoben wurde. Seitdem zum langsamen Sterben in lebenslanger Haft verurteilt, weiß er sehr genau, worüber er schreibt.
Jede seiner zur Auszeichnung eingereichten neun Kolumnen steht und spricht für sich allein; in ihrer Gesamtheit bringen sie die Brutalität rassistischer Polizeipraxis und extralegaler Gewalt zur Sprache. Trotz der widrigen Umstände, unter denen sie aufgezeichnet wurden, halten wir diese Beiträge vor allem wegen der subjektiven Haltung des Journalisten für aussagekräftig. Was seine Beiträge so bedeutend macht, ist der einzigartige Blickwinkel des Autors, sein sprachliches Einfühlungsvermögen in vielfältige Diskurse und seine Fähigkeit, so vieles gleichzeitig zu sein: Beobachter, Reporter, Historiker, Rundfunksprecher, Autor und Theoretiker.
Stimmen wie die von Abu-Jamal sind selten, aber gerade deshalb unverzichtbar. Seine Arbeit fördert den nationalen Diskurs um Polizeigewalt und Staatsterror und tut dies aus der Perspektive eines Menschen, der brutale Unmenschlichkeit am eigenen Leib erfahren hat. Die Kollektion seiner Beiträge ist bestens geeignet, die öffentliche Debatte über die von rassistischen Vorurteilen geprägte Polizeipraxis voranzubringen. Wir sind fest davon überzeugt, dass Mumia Abu-Jamals Berichterstattung wesentlich zum Entstehen der Bewegung beigetragen hat, die den Slogan »Black Lives Matter« mit dem Ziel kreierte, den herrschenden Status quo grundlegend zu verändern.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Noelle Hanrahan ist Gründerin und Produzentin des Projekts Prison Radio in San Francisco (www.prisonradio.org). Mit der hier abgedruckten Begründung reichte sie eine Kollektion von neun Kolumnen, die auch in jW veröffentlicht wurden, an die Jury für den jährlichen »Dupont Award« des Fachbereichs Journalismus der New Yorker Columbia University ein. (jh)


Links im Artikel: 1
[1] http://www.jungewelt.de/2015/07-13/008.php?sstr=einzigartiger|blick

Ausdruck von: http://freedom-now.de/news/artikel1276.html
Stand: 13.11.2019 um 06:23:06 Uhr