Kolumne 1.186 vom 21.09.2026: Alles oder nichts
21.09.26 (von maj) Die Widersprüche des Kapitalismus sind so stark wie nie zuvor. Konsequenzen für die Nutznießer dieser Ordnung bleiben aus. In seiner Kolumne erklärt Mumia Abu-Jamal, dass es Veränderung braucht – so schnell wie möglich.
Mumia Abu-Jamal * Link zum Artikel in junge Welt Nr. 219 vom 21. September 2026: Bitte HIER klicken!
Alles oder nichts
Angesichts der Härten, die wir heute erleben, blicke ich oft auf unsere Vorfahren, die vor uns in diesem Land lebten, das sich selbst »das Land der Freien und Tapferen« nennt. Ich frage mich, welche Lehren sie uns hinterlassen haben. Wenn ich die Folter, den Terror, die Demütigungen und die Ausbeutung der Arbeitskraft seit mehr als 400 Jahren betrachte, dann weiß ich, dass nichts von dem, womit wir konfrontiert sind, auch nur annähernd mit dem vergleichbar ist, was unsere Ahnen durchgemacht haben. Das sollte uns allen Kraft geben, weiter gegen das Imperium zu kämpfen.
Der von Abolitionisten geprägte Begriff »Tod durch Inhaftierung« (engl. »Death by Incarceration«, DBI) beschreibt treffend, was es bedeutet, in Pennsylvania eine lebenslange Haftstrafe zu verbüßen. Obwohl ich diesen Begriff nie mochte, verwende ich ihn jetzt auch, da er zum Nachdenken anregt. Wenn man normale Menschen fragt, was eine lebenslange Haftstrafe bedeutet, antworten viele 15, 20 oder 25 Jahre. Sie wissen es einfach nicht besser, da sie keine Juristen oder Gesetzgeber sind.
Ich persönlich bevorzuge den Begriff »langsame Todesstrafe«. Von »lebenslanger Haft« zu reden, lähmt unser Denken, denn diese Strafe bedeutet faktisch die Abwesenheit von Leben. »Langsame Todesstrafe« weist dagegen auf ein Leben hinter US-amerikanischen Gefängnisgittern bis zum physischen Ende hin – unter den kältesten und brutalsten Bedingungen. Dabei haben gestern, heute und morgen nur eines gemeinsam: Unterdrückung. Damit meine ich, jeden Tag Stunde um Stunde in einer Zelle eingesperrt zu sein. Ich spreche hier nicht von verschärfter Einzelhaft [siehe Link weiter unten], sondern vom »Normalvollzug«, in dem man endlose Stunden in einer Zelle eingesperrt und willkürlichem Unsinn ausgesetzt ist, den sich irgendein politischer Entscheidungsträger in Harrisburg oder ein Beamter im eigenen Trakt ausgedacht hat.
Unerträglich ist dabei, dass Staatsbeamte jederzeit lügen können und ungestraft davonkommen. Ich erinnere mich an einen jungen Mann mit dem Spitznamen »Reds«. Er war groß, hatte rotbraunes Haar und litt an Asthma. Beim Hofgang hatte er sich mit jemandem gestritten und wurde von drei oder vier Vollzugsbeamten in den Krankenbereich gebracht. Dort wurde er in Handschellen auf einen Fixierstuhl geschnallt und man sprühte ihm große Mengen Pfefferspray ins Gesicht. Eine Krankenpflegerin saß daneben und sah zu. Nur weil er Dinge sagte, die sie nicht hören wollten, besprühten sie ihn so lange mit Pfefferspray, bis er aufhörte zu atmen. Er hatte Asthma, und das Pfefferspray hat ihn umgebracht. Wurde auch nur einer dieser Wärter inhaftiert? Kein einziger! Sie wurden vom Dienst suspendiert, und als sie wieder zur Arbeit kamen, war das, als kämen sie aus dem Urlaub zurück. Wahrscheinlich wurde ihnen sogar ihr Gehalt nachgezahlt. Alle behielten ihren lukrativen Job, und keiner wurde dafür bestraft, dass er einen gefesselten Asthmatiker mit Pfefferspray erstickt hatte.
Trotz allem bin ich davon überzeugt, dass diese Zeit voller Möglichkeiten steckt. Warum sage ich das? Weil wir Dinge erleben, die frühere Generationen noch nie erlebt haben. Dazu gehört die Konzentration von ungeheurem Vermögen bei einem winzigen Prozentsatz der Bevölkerung. Noch nie zuvor haben Konzerne darum gekämpft, wer von den Techgiganten mit künstlicher Intelligenz demnächst die Welt erobern wird. Diese Konzerne rauben Menschen mit Hilfe ihrer Marionetten und Politiker ihre Grundstücke, auf denen sie riesige Rechenzentren errichten. Sie verbrauchen enorme Mengen an Trinkwasser – jedoch nicht, um den Durst von Menschen oder Tieren zu stillen, sondern um die wärmeproduzierenden Großcomputer mit dem Wasser aus Seen oder Flüssen herunterzukühlen.
Wenn es jemals eine Zeit gab zu revoltieren und Widerstand zu leisten, wenn es jemals eine Zeit gab, in der sich die Menschen so breit, so leidenschaftlich und so weitreichend wie möglich organisieren müssen, dann ist diese Zeit jetzt gekommen! Danach könnte es zu spät sein. Jetzt ist der Moment, und alle Menschen müssen das begreifen! Ich weiß, dass das schwer ist. Auch mir macht das Angst, doch was auf uns zukommt, wird noch schwerer und beängstigender sein. Denn dies ist der Moment einer Kapitalkonsolidierung, wie sie noch nie zuvor artikuliert oder gar erdacht wurde – es geht um alles oder nichts.
→ Übersetzung: Jürgen Heiser
→ Mumia Abu-Jamals hier gekürzter und bearbeiteter Audiobeitrag wurde am ersten Tag der jährlich in Chicago stattfindenden »Socialism Conference« (4.–7. September) auf der gut besuchten Podiumsdiskussion »Life After Death Row« abgespielt. (jh)
→ Link zur Socialism Conference: Bitte HIER klicken!
Siehe zum Thema Einzelhaft auch Kolumne in junge Welt Nr. 195 vom 24. August 2026: Bitte HIER klicken!
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