Kolumne 1.181 vom 20.07.2026: Steve Bikos Erbe lebt
20.07.26 (von maj) Der südafrikanische Freiheitskämpfer erkannte früh, dass die Apartheid ohne einen grundlegenden Bruch nicht einfach zu beseitigen wäre. Bis heute befindet sich ein Großteil des Landes in der Hand der weißen Minderheit
Mumia Abu-Jamal * Link zum Artikel in junge Welt Nr. 165 vom 20. Juli 2026: Bitte HIER klicken!
Steve Bikos Erbe lebt
Heute möchte ich der Frage nachgehen, welche Bedeutung der südafrikanische Freiheitskämpfer Steve Biko (1946–1977) für junge Menschen hat. Ich bin der Meinung, dass Stephen Bantu Biko – oder Steve Biko, wie er sich selbst nannte – nach wie vor eine ausschlaggebende Stimme innerhalb der Antiapartheidbewegung sowie der weltweiten Freiheitsbewegung der Schwarzen ist. Sein 1978 posthum veröffentlichtes Buch »I Write What I Like« ist nicht einfach eine einsame Stimme des Widerstands, sondern Ausdruck einer kollektiven Sehnsucht danach, Widerstand gegen die Vorherrschaft der Weißen zu leisten.
Er war eine zentrale Figur der Black-Consciousness-Bewegung. Der Apartheidstaat ließ ihn im September 1977 auf brutale Weise ermorden, da er befürchtete, dass ihm viele Menschen zuhören und folgen würden und er zum Präsidenten eines neuen Südafrika werden könnte. Allerdings nicht des bestehenden Südafrika, sondern eines gänzlich neuen afrikanischen Staates, den Biko »Azania« nannte und der einen grundlegenden Bruch mit dem Apartheidstaat Südafrika bedeutet hätte. Zweifellos hat das repressive Regime der weißen Rassisten ihn aus Angst vor seinem unaufhörlich wachsenden Einfluss ermordet.
Manchmal messen wir den Bewegungen der Vergangenheit zuviel Bedeutung bei und sollten uns statt dessen den Bewegungen der Gegenwart zuwenden. In Südafrika gibt es heute eine Gruppe, die Widerstand gegen die derzeitigen politischen Führer des Landes leistet. Es handelt sich um ein Kollektiv von Obdachlosen namens »Abahlali baseMjondolo«, was in der Sprache der Zulu soviel wie »Bewohner der Hütten« bedeutet. Für sie ist Steve Biko einer ihrer Vorkämpfer. Derzeit beschäftigen sie sich intensiv mit den politischen Schriften Frantz Fanons und prangern an, dass in Südafrika die erhoffte Freiheit nicht gelebt wird. Das heutige Südafrika sei in gewisser Weise zu einem neoliberalen Staat geworden – im Gegensatz zu einer neuen, freien afrikanischen Republik, in der das afrikanische Volk sein Recht auf Bildung, angemessenen Wohnraum und Land zurückerhält.
Um euch eine Vorstellung vom tatsächlichen Unterschied zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit Südafrikas zu geben: Wir leben in der Gegenwart, in der neuen Zeit, richtig? Ratet mal, wieviel Prozent des Landes in Südafrika sich heute im Besitz der afrikanischen Bevölkerung befinden! Versucht mal, ganz wild zu spekulieren! Ich wette, ihr kommt nicht darauf. Acht oder neun Prozent! Genau das ist die richtige Antwort! Vor einer solchen Entwicklung aber hat Biko stets gewarnt. Dafür wurde er von der Apartheidregierung ermordet, und dafür steht Biko bis heute – in Südafrika, aber auch in der gesamten schwarzen Welt, für all jene, die seine politischen Schriften und seine Lebensgeschichte lesen und sich mit seiner Opferbereitschaft, seinem Kampf und den noch bevorstehenden Kämpfen auseinandersetzen.
→ Übersetzung: Jürgen Heiser
→ Der vorliegende Text entstand, als Mumia Abu-Jamal kürzlich von Prison Radio gebeten wurde, als Einstieg für einen Sommer-Workshop die Frage zu beantworten, warum es für junge Menschen heute wichtig ist, Steve Biko zu lesen. Ende August 2001 hatte der politische Gefangene schon einmal auf Bikos Leben und Wirken zurückgeblickt und ihn als »Leuchtfeuer« des afrikanischen Befreiungskampfs bezeichnet. Mit seinen Mitstreitern habe Biko »das Vakuum gefüllt, das durch die Inhaftierung und Zwangsemigration Tausender Aktivisten des ›African National Congress‹ und des ›Pan-Africanist Congress‹ entstanden war«. Um Bikos bis heute gültige Weitsicht zu vermitteln, zitierte er aus dessen Buch: Es sei den Weißen gelungen, den Großteil des Vermögens Südafrikas in den Händen einer kleinen Minderheit zu konzentrieren. »Wenn wir lediglich einen Wechsel der Gesichter in den Führungspositionen erleben, wird die Masse der Schwarzen arm bleiben, während ein paar Schwarze Teil der Bourgeoisie werden.« Dies würde die Gesellschaft nicht wirklich verändern, wusste Biko schon zur Zeit des Apartheidregimes. (jh)
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